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Frauen starten erfolgreich durch

Dass Dagmar Schwarz ein „Käpsele“ ist – wie man im Schwäbischen besonders helle Köpfe nennt -, das wusste ich schon als wir im Sommer 1986 gemeinsam das Abiturzeugnis am Schönbuch-Gymnasium entgegen nahmen. Dass aus ihr ein paar Jahre später Dr. Dagmar Ruhwandl, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie werden würde, war ziemlich absehbar. Dass dazu neben drei Kindern und einem Lehrauftrag an der TU München noch eine eigene Burn-out-Praxis und mehrere erfolgreiche Buchtitel bei Klett-Kotta kommen würden, war dann doch große Kür.
Welche Erklärungsansätze gibt es für das Phänomen, dass die Frauen, die wir in der Serie „Auch gut“ monatlich vorstellen wollen, in der Lebensmitte noch einmal im handwerklichen Bereich neu gestartet sind, wollten wir von ihr wissen..

  • Was genau reizt Menschen mit akademischen Berufen in der Lebensmitte an einem Umstieg ins Handwerkliche und Sensorische?

Dagmar Ruhwandl:
„Zu sehen, zu spüren und zu schmecken, dass man etwas bewirken kann, ist ein bedeutendes Gefühl. Die sogenannte „Selbstwirksamkeit“ spielt in der Depressionsprophylaxe eine wichtige Rolle. Für mich ist Dietrich Bonhoeffer da immer wieder ein beeindruckendes Beispiel. Noch in der Todeszelle hat der Theologe Gedichte geschrieben, die Menschen bis heute dabei helfen, sich aufzubauen. Er war bis zur Todesstunde ein „selbstwirksam“ Schaffender! In der Altersspanne zwischen Mitte/Ende Dreißig und Ende Vierzig überdenken viele Menschen die Wege, die sie bisher gewählt haben. Manche erkennen die Faktoren, die Stress und Erschöpfung bewirken und bewerten die klassischen Karriereziele nicht mehr so hoch.

  • Warum entscheiden sich immer mehr Frauen für die Selbständigkeit?

Dagmar Ruhwandl:
Mag sein, dass es die sehr unterschiedlichen Belohnungssysteme den Frauen etwas leichter machen, beruflich vollständig umzusatteln. Frauen haben eine viel größere Wahl darin, für sich eine Bestimmung zu finden, die gesellschaftlich akzeptiert ist. Die sozialen Rollen werden noch immer ganz unterschiedlich bewertet. Das heißt, die Frage, ‚Was ist erfolgreich?’ wird bei Frauen auch heute noch anders gesehen. Für einen Mann sind die Rollenvorbilder viel enger angelegt. Eine Frau, die Kinder bekommt, hat die Möglichkeit, durch eine Anpassung ihres Umfeldes stets Streicheleinheiten zu bekommen. Sei es, dass sie sich ausschließlich im  Umfeld von Frauen bewegt, die entschieden haben, sich vollständig der Familie zu widmen. Männer kommen aus dem sie umgebenden Bewertungssystem weniger heraus. Zu 90 Prozent ist die klassische Karriere anerkannt, das gibt Sicherheit.

Wie unbewusst auch die intra-familiären Rollenmuster unsere Selbsteinschätzung prägen, versuche ich meinen Klienten gerne mit zwei provokativen Fragen deutlich zu machen. Frauen hören von mir: „Welche Karriere hat eigentlich Ihre Großmutter gemacht?“. Männer überrasche ich gerne mit: „Wie haben Sie die familiäre Vaterrolle Ihres Großvaters erlebt?“

 

  • Männer kommentieren „Karriereknicke“ durch einen Quereinstieg in einen Beruf fernab der ursprünglichen Ausbildung gelegentlich mit einem „Hast Du das nötig?“ Warum interpretieren Männer den beruflichen Umstieg gerne als Imageverlust oder Downgrade.

Dagmar Ruhwandl:
In meiner Burnout-Praxis spielt es eine große Rolle, dass die Klienten sich ihrer Ziele bewusst werden. Ich beobachte, dass die Ziele der Männer oft eher image- und machtbetont sind. Da greift dann wieder die schon beschriebene bessere Anpassung der Frauen an das Belohnungssystem. Kurz: Die Frau sucht sich mit der neuen Aufgabe auch das Umfeld, das diese anerkennen wird. Für Männer ist das oft schwer vorstellbar.

  • Wer Lebensmittel herstellt, trägt hohe Verantwortung für Qualität, muss viele gesetzliche Auflagen beachten. Einkauf, Logistik, Marketing, Vertrieb sind komplexe Herausforderungen  für Gründer. Wir hatten in unseren Interviews das Gefühl, dass die „Aussteigerfrauen“ viele ihrer bisherigen Qualifikationen für den Neuanfang gut gebrauchen konnten.

Dagmar Ruhwandl lacht:
Das finde ich interessant, dass Frauen die Kombination verschiedener Qualifikationen offenbar so gut gelingt. Denn eigentlich bringen auch hier wieder Männer die viel besseren Voraussetzungen durch ihr Rollenverständnis mit. Überspitzt:  Ein Mann, der einmal ein Seminar zu einem neuen Thema besucht hat, wird sich  nicht scheuen, das sofort in seinen Lebenslauf als „Expertenwissen“ aufnehmen. Ich selbst habe eben erst – nach 20 Jahren Erfahrung auf dem Gebiet und dem fünften Nachdruck meiner Visitenkarten – den Titel „Key Note Speaker“ auf meiner Visitenkarte ergänzt.

Das ist symptomatisch. Wenn man eine Frau als Expertin fragt, ob ein Projekt umgesetzt werden kann, wird sie sorgfältig alle Einschränkungen, mögliche Herausforderungen, Unwägbarkeiten zusammentragen und dann das Fazit etwa so formulieren: „Wir können und sollten es trotzdem versuchen“.   Männer werden eher dazu neigen – sofern sie den Umsetzungsauftrag gerne haben möchten – erst einmal zu sagen: „Klar, machen wir das!“ Dann erst kommt die Analyse, welche Klippen zu umschiffen sind.

 

  • Welche psychischen Faktoren sollten unbedingt stimmen, wenn eine Frau sich als Unternehmerin etablieren will? 

Dagmar Ruhwandl:
Eine gesunde Stress-Resilienz ist natürlich von Vorteil. Und wenn diese weniger gegeben ist, dann sollte frau Mechanismen und Techniken finden, den Stress gut abzubauen. Auch ihr Bedürfnis „gemocht zu werden“, sollte die Gründerin sich bewusst machen. Das ist bei Mädchen und Frauen oft stark aufgeprägt. Was bedeutet das in der aktuellen Gründungssituation für mich? Womit kann ich mir den Wunsch in anderen Lebensbereichen erfüllen? Ist es mir wichtig, diese Wunscherfüllung explizit auch im Job zu bekommen?

In der Organisationsberatung betone ich immer die Wichtigkeit von Bedürfniserfüllung. Wenn du auf Dauer gegen deine Bedürfnisse arbeitest, dann wirst du auch keinen Erfolg haben. Das Bedürfnis gemocht zu werden ist sehr komplex. Das kann man auch als Unternehmerin nicht einfach wegschieben. Bestes Beispiel ist hier für mich unsere Bundeskanzlerin. Sie führt das „Unternehmen Deutschland“ eher moderierend, ohne dauernd den großen Macker zu spielen.

  • Welche Punkte gehören auf die psychologische Checkliste für eine Start-up-Planung?

Zuallererst sollte die Unterstützung der Familie, besonders des Partners, echt sein – also mehr als ein Lippenbekenntnis. Wenn der Mann an ihrer Seite letztlich doch immer nur die Bilanz vor Augen hat, dann entsteht schnell Stress und die Gründerin hat es schwer, ihre Kraft zu behalten. Nicht-Anerkennung im direkten Umfeld wirkt sich oft fatal aus.

Genauso wichtig ist natürlich, dass eine Gründerin von der Familie und dem Partner ernst genommen wird. Wenn der das Ganze nur mit dem „Boutique-in-Wuppertal-Blick“ sieht, also frei nach Loriot zu einem steuerlichen Abschreibungsprojekt mit Beschäftigungsgarantie degradiert, wird sie nur schwer glücklich werden mit ihrem Business.

Aber auch das eigene Sicherheitsbedürfnis kann Menschen bei einer Existenzgründung im Wege stehen. Frau sollte da sehr ehrlich zu sich sein, auf wieviel Sicherheit sie tatsächlich verzichten kann. Dabei geht es sowohl um das persönliche immaterielle Sicherheitsbedürfnis, als auch um die Frage, wieviel Geld sie riskieren kann und will, wenn das Geschäft nicht laufen sollte. Ich nenne das meinen Klienten gegenüber eine „realistische Vision“ aufbauen.
Gefahren und Chancen sollten in einen Zusammenhang gesetzt werden. Marktrecherche ist notwendig. Dann stehen auch die Chancen gut, ggf. einen Kredit für die eigene Geschäftsidee zu bekommen.

Wer bei all diesen Vorüberlegungen zu dem Schluss kommt, dass die Ängste sehr ausgeprägt sind, den möchte ich ermutigen, den Plan der Selbständigkeit NICHT umzusetzen, auch wenn andere vielleicht gut zusprechen. In diesem Fall ist es ratsamer, sich mit dem eigenen Sicherheitsbedürfnis zu versöhnen und den Weg der angestellt Beschäftigten zu gehen. 

 

Käsemarmela.de sagt Dankeschön:
Liebe Dagmar Ruhwandl,
vielen herzlichen Dank, dass wir hier das Phänomen „Neustart im Handwerklichen“ psychologisch so fundiert  kommentiert bekommen.
Du selbst hast während dieses Interviews einen Nudelauflauf für Deine drei jugendlichen Kinder fertiggestellt, alle drei aus der Schule heimkommend kurz begrüßt und gebrieft, wann das Essen fertig ist und wohin es um 14 Uhr zum Nachmittagsunterricht und zur Orchesterprobe geht. Dankeschön für dieses Interview und Deine unprätentiöse Vorbildfunktion: Beruflich-wissenschaftliche Qualifikation, Empathie und Fürsorge für Deine Klienten, wertschätzendes Familienmanagement sind bei Dir gelassen vereint. Wir sollten nicht vergessen zu erwähnen, dass all Deine Ideen und Dein Engagement seit 20 Jahren von demselben Ehemann und Vater Deiner Kinder mitgetragen werden. Wir wünschen Dir weiterhin von Herzen die verdiente Anerkennung für Dein Schaffen!

Dr. med. Dagmar Ruhwandl ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Lehrbeauftragte an der Technischen Universität München und Mitglied im Deutschen Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung (DNBGF). Sie ist Geschäftsführerin von burnoutpraevention.de Consulting (http://burnoutpraevention.de) und Leadership for Health (http://www.l4h.de). Sie und ihre Mitarbeiter trainieren seit 1999 Führungskräfte zu den Themen Burnout-Prophylaxe und Gesunde Führung und beraten Unternehmen in der konzeptionellen Umsetzung von betrieblichem Gesundheitsmanagement. Beim Verlag Klett-Cotta erscheint ihr Buch „Erfolgreich ohne auszubrennen“ in fünfter Auflage, ihr Titel „Top im Job – ohne Burnout durchs Arbeitsleben“ in zweiter Auflage (http://www.klett-cotta.de/autor/Dagmar_Ruhwandl/667).

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